Das Grenzüberschreiten

Der Begriff in drei Bedeutungsebenen
Inhalt der Yoga-Trainingstage 4./5.Sept.

Körperliche Ebene

Wenn man mit dem Körper mehr leistet als bisher, dann findet beim Körper ein Grenzüberschreiten statt. Beispielsweise unternimmt jemand eine Wanderung und geht statt den gewöhnlichen 3 Stunden, einmal 5 Stunden lang auf einen Berg. Man übersteigt so eine körperliche Grenze.

In einer Yogaübung war der Lernschritt, dass man eine größere Ausdehnung und Weite im Ausdruck des Körpers erzielen kann. Diese Ausdehnung bzw. Weite im Ausdruck ist ein Ergebnis des sogenannten aktiven, dritten Zentrums, der Bereich in der Mitte der Wirbelsäule. Dieser mittlere Bereich der Wirbelsäule kann eine große Dynamik und Spannkraft freisetzen. Das Geheimnis der Ausdehung und Weite liegt darin, dass man zum einen den ganzen Körper – vor allem die Arme, die Schultern und den Hals/Kopf -Bereich mehr löst und leichter macht und sich gleichzeitig stärker in der Wirbelsäule zentriert. Gut geeignete Übungen hierfür sind der Bogen, Dreieckstellungen, die Kopf-Knie-Stellung, der Halbmond oder das Kamel.

Als Ergebnis von dieser Loslösung und gleichzeitiger Zentrierung in der Wirbelsäule entsteht ein Ausdruck von Weite im Körper. Der Körper wirkt nicht mehr so geballt oder getrennt von der ihn umgebenden Räumlichkeit oder gar abgeschirmt und „physischer“, sondern er wird mehr Teil des Räumlichen, er geht auf den Raum zu. Der Körper wird sogar mehr in den Raum hineinintegriert – er wird mehr Teil des „Raumes“ und fügt sich weit und offen in den Raum ein.

Das “Sich-Leicht-Machen” – der ganze Körper, aber insbesondere der obere Teil des Körpers, wird mehr losgelassen und entspannt.
In diesem Video kann man bei der Demonstration von Heinz Grill dieses Leicht-Machen und gleichzeitige Zentrieren in der Wirbelsäule sehr gut sehen.
Gleichzeitig wird die Wirbelsäule stärker zentriert – und zieht sich dann über die Arme in den Raum hinaus – der Körper wirkt wie, als sei er stärker in den Raum miteinbezogen.
Hier kann man die Zentrierung in der Wirbelsäule ebenfalls sehr gut beobachten.

Bewusstseinsebene

Das Grenzüberschreiten kann man auch auf die Bewusstseinsebene beziehen. Man denkt sich beispielsweise „das kann ich nicht“ und bleibt somit innerhalb seiner Grenzen mit dem Bewusstsein stehen. Zum Beispiel macht man eine Körperübung und denkt sich: “die kann ich ohnehin nicht”. Damit übersteigt man jedoch im Bewusstsein nicht die Grenze, dass man sich vorstellt, wie es wäre, wenn man es könnte. Indem man sich, obwohl man etwa nicht kann, überlegt, was man könnte und wie es wäre, überschreitet man eine Grenze im Bewusstsein.

Der Lernschritt auf Yogaübungen bezogen, war, dass man Menschen in ein neues Bewusstsein zu einer Körperübung oder Form führen kann. Man kann direkt in der Anleitung und auch in der Korrektur einen Menschen zu einem neuen Erleben führen. Hierzu braucht der Lehrer jedoch eine konkrete und lebendige Vorstellung, wie diese ideale Form aussieht. Man setzt bei einer Korrektur primär nicht am Problem des Körpers an, sondern beginnt direkt aus der Idee und formt den Körper aus der Idee aus.

Der Korrigierende hat eine konkrete Idee zum Ideal der Übung.
Der Korrigierende erschafft ein Empfinden zu diesem Ideal und formt den Körper des Teilnehmers danach.

Höherer Sinn

Wenn man sich nun ein höheres, allgemeingültiges Ideal vorstellt, dann übersteigt man nochmals die Grenze des persönlichen Bewusstseinsfeldes. Ein Gedanke, der für alle Menschen von Wert ist, geht über das persönliche Bewusstsein hinaus. Auch indem man sich fragt, was brauchen heute die Menschen, kommt man zu einem höheren Sinn und übersteigt nochmals die Grenzen des persönlichen Bewusstseins.

Auf eine Yogaübung bezogen, wurde herausgearbeitet, dass man sich zu einem Gedankeninhalt hinwendet, den man ausdrücken möchte, und dass man damit vollständig alle Subjektivität, alle Emotionen, Willensregungen etc. verlässt. Dies kann auch als Grenzüberschreiten bezeichnet werden. Man wendet sich einem Gedanken hin und hält ihn in der Aufmerksamkeit. Der Gedanke entfaltet so eine Wirkung und einen Ausdruck und man formt ausgehend vom Gedanken die Übung aus. Der Lernschritt war, dass man diesen Gedankeninhalt bewusst in seinem Gedankenleben plastizieren und erzeugen muss, damit er existiert.

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