Die Gesundheit des Menschen

Ein Blick auf Bedeutung und Möglichkeiten, die dem Begriff zugrunde liegen

An der spirituellen Hochschule ist bereits seit einigen Wochen der Begriff der Gesundheit ein aktuelles Thema. Im Laufe der Beschäftigung und durch die Impulse von Heinz Grill wurde deutlich, dass Gesundheit und Entwicklung in einem sehr nahen Zusammenhang stehen. Man kann wohl zu dem Schluss kommen, dass Gesundheit, sei es die des Menschen oder auch im Naturreich ohne Entwicklung gar nicht möglich ist. Genauer gesagt liegt eine progressive, aufbauende Entwicklung am Anfang der Gesundheit.

Doch befassen wir uns zunächst allgemein mit dem Begriff.

Das Wort Gesundheit gehört sicherlich zu einem der meist genutzten Begriffe im deutschen Sprachgebrauch.

Etymologisch kommt das Wort von althochdeutsch gisunt „wohlbehalten, lebendig, heil.“ Dieses stammt wiederum vom germanischen sunto ab, was „rege, rüstig, gesund“ bedeutet. Interessanterweise existiert eine Verwandtschaft mit dem Wort suento, dessen Bedeutung „geschwind“ ist. (1)

Die WHO definiert in der Präambel von 1948:
„Gesundheit ist der Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Freisein von Krankheit und Gebrechen. Das Erreichen des höchstmöglichen Gesundheitsniveaus ist eines der Grundrechte jedes Menschen, ohne Unterschied der ethnischen Zugehörigkeit [original: „race“], der Religion, der politischen Überzeugung, der wirtschaftlichen oder sozialen Stellung.“ (2)

Ganz klar wird Gesundheit hier als ein Grundrecht jedes einzelnen Menschen veranschlagt und quasi verbrieft, d. h. schriftlich zugesichert. Allerdings dürfte nach dieser Definition kaum ein Mensch sich als gesund bezeichnen. Das vollständige Wohlbefinden in Köper, Geist und in den sozialen Verhältnissen erreicht zu haben; wer kann dies von sich sagen?

In der Literatur können weitere Definitionen des Gesundheitsbegriffes nachgelesen werden.
Reinhard Lay, Pflegewissenschaftler und Autor des Buches „Ethik in der Pflege“, prägte folgende Definition: „Gesundheit bedeutet eine zufriedenstellende Entfaltung von Selbstständigkeit und Wohlbefinden in den Aktivitäten des Lebens.“ (3)

Betont werden Wohlbefinden, Unabhängigkeit und die Aktivität des Lebens. Ebenfalls kommt zum Ausdruck, dass Gesundheit subjektiv empfunden werden kann. Gesundheit muss demnach nicht vollständig in allen Bereichen des Lebens erreicht sein, um ein zufriedenstellendes persönliches Wohlbefinden zu empfinden. Auch die Individualität wird damit angesprochen. Gesundheit ist unter Umständen nicht für alle Menschen gleich.

Anders ist das Verständnis des Soziologen Talcott Parsons. Eine häufig zitierte Definition von Parsons lautet: „Gesundheit ist ein Zustand optimaler Leistungsfähigkeit eines Individuums, für die wirksame Erfüllung der Rollen und Aufgaben für die es sozialisiert worden ist.“ (4)

Dies liest sich, als wäre der Einzelne lediglich dazu da, eben die Rolle zu erfüllen, zu der er geprägt wurde. Auch spricht er, ähnlich als die WHO, von einer optimalen Leistungsfähigkeit, die schwer zu erfüllen sein dürfte. Anders als die WHO definiert er Gesundheit aber nicht als Grundrecht eines jeden einzelnen Individuums, sondern vielmehr als Verpflichtung des Einzelnen der Gesellschaft gegenüber.

Interessant ist es aber doch, Gesundheit dahingehend zu sehen, dass sie nicht nur eine persönliche und individuelle Angelegenheit ist. Die Gesundheit und das Wohlbefinden des Einzelnen hängt mit seiner Umgebung, mit Außeneinflüssen und auch mit seinen Mitmenschen zusammen. Auch ist Gesundheit kein statischer Zustand. Einmal erworben, bleibt sie nicht automatisch gesichert, morgen kann das schon ganz anders aussehen.

Heinz Grill, der als spiritueller Lehrer, Heilpraktiker und Autor sich umfassend mit der Thematik auseinandergesetzt hat, beschreibt Gesundheit

„als ein natürliches Ergebnis vorausgegangener entwicklungsförderlicher und aufbauender Prozesse“. (5)

Geht man davon aus, dass Gesundheit ein Ergebnis ist, stellt sich unweigerlich die Frage, was es braucht um dieses Ergebnis zu erreichen.

Wie fördert man eine wünschenswerte Entwicklung und die aufbauenden Prinzipien?

Diese Frage ist nicht nur für Therapeuten, Pflegende und Ärzte von höchstem Interesse, sondern kann von jedem einzelnen Menschen ergriffen werden.

Entwicklung geht von einem aktuellem Zustand aus und führt in einen neuen Zustand hinein. Bestenfalls ist der neue Zustand besser als der alte. Dann kann man von einer progressiven, aufbauenden Entwicklung sprechen. Allzu gerne bleibt der Mensch jedoch in seiner Behäbigkeit und in seinen Gewohnheiten stecken. Auch wenn er ahnt, dass ihm dies nicht gut tut.

Sicherlich kann kein Mensch einem anderen die eigene Vorstellung, was gut wäre, aufzwingen. Auch ist die Ursache, warum jemand krank wird, in der Regel sehr komplex und keinesfalls darf man da zu einem vorschnellen oder gar bewertenden Urteil kommen. Eine unvoreingenommene, offene und emphatische Haltung dem Anderen gegenüber ist unerlässlich.

Betrachtet man einen Menschen oder eine Situation mit der Frage, was in dem individuellen Fall einer wünschenswerten Entwicklung entsprechen würde, müssen eigene Vorstellungen und Wünsche zunächst einmal strengstens zurückgenommen werden. Der Andere oder die Situation können aber durchaus mit einer konkreten und geeigneten Fragestellung angeschaut werden.

Ein Beispiel:

Man betrachtet einen anderen Menschen mal rein vom Äußerlichen mit gewissen Kriterien.
Wie ist die Körperhaltung? Ist der Rücken aufgerichtet, mit gelösten Schultern und entspanntem Nackenbereich oder ist der Rücken krumm, die Schultern angespannt und wie mit einer schweren Last beladen?
Wie wirkt das Gesicht? Ist die Stirn offen und gelöst, oder umwölkt, Sorgenvoll, verschlossen, grüblerisch?
Wie ist das Gangbild? Läuft der Mensch leicht beschwingt, dynamisch, mit federnden Schritten? Oder wirken die Schritte schwer, schleppend, unsicher, schlurfend, usw.?

Indem man Körperhaltung, Gesichtsausdruck und die Art, wie ein Mensch geht, aufmerksam betrachtet, bekommt man einen ersten Eindruck der wertfrei ist, aber nach objektiven Kriterien eine erste Einordnung erlaubt.

Nun kann man sich die Frage stellen, wie würde denn dieser Mensch aussehen, wenn bspw. sein etwas schlurfendes Gangbild beschwingter wäre und der angespannte Gesichtsausdruck einen offenen freundlichen Ausdruck gewinnen würde.

Mit dieser Vorstellung denkt man einige Tage wiederholt an den Menschen und stellt ihn sich immer wieder mit den genannten Möglichkeiten vor.

Der sich so in einer Vorstellung Übende baut jedes Mal neu das vorgenommene Bild des Anderen gedanklich auf und tritt so in eine intensive und doch freilassende Beziehungsaufnahme zu einem anderen Menschen und einem möglichen Ideal ein.

Nun kann man selbstverständlich für einen kranken Menschen nicht einfach dessen Gesundheit denken. Aber die Übung schult, wie man mit einigen einfachen, konkreten Kriterien einen Menschen in seiner momentanen Situation wahrnehmen und für ihn eine wünschenswerte Entwicklung denken kann.

Für die Zukunft wäre es erstrebenswert, entwicklungsfreudige, lebensfördernde und gesundheitsaufbauende Prinzipen zu etablieren. Dazu ist eine umfassende, ausdauernde Auseinandersetzung und ein neues, erweitertes Verständnis zum Gesundheitsbegriff notwendig und auch zu den Fragen, wie Entwicklung im positiven Sinne unterstützt werden kann.

Der Mensch und seine Gesundheit sind nicht dem Schicksal und dem Zufall überlassen. Die Annahme, dass jeder Mensch eine Situation und Gegebenheit entwicklungsförderlich und damit gesundheitserbauend beeinflussen kann, trägt eine große Hoffnung für die Zukunft in sich.

Eine Ausarbeitung von Linda Waßmuth

Quellenangaben:
(1) Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Gesundheit
(2) Quelle https://leitbegriffe.bzga.de/alphabetisches-verzeichnis/gesundheit/
(3) Quelle: Reinhard Lay: “Ethik in der Pflege. Das Lehrbuch für alle Bereiche in der Pflege, Schlütersche Fachmedien, Hannover 2022“
(4) Quelle: www.pflege-und-medizin.de
(5) Quelle: Vortrag von Heinz Grill in Lundo, Italien, Oktober 2022

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