Dialektik, Schulung des logischen Denkens, Textarbeit

Die Textarbeit

Wie ist die Vorgehensweise?

Grundsätzlich gibt es nicht die eine „Methode“. Man kann sich einem Text unterschiedlich annähern. Kern der Textarbeit ist, dass es um die Worte des Autores selbst geht. Man denkt sich in den Gedanken eines Autors bewusst hinein und macht sie noch einmal lebendig.

Die Frage nach der Logik

Eine mögliche Annäherung eines Textes besteht deswegen darin, die sinngemäße Logik in einem Text zu erkennen. Indem man sich in die Gedankenlogik hineinarbeitet, nimmt man zugleich erst einmal Abstand von eigenen impulsartigen Reaktionen, Emotionen, Urteilen oder Bewertungen. Es geht darum, sich eine getreue Vorstellung von der Aussage eines anderen Menschen zu bilden.

Eine Ergebnis davon ist, dass man eine Aussage wie von selbst auswendig wiedergeben kann, weil man einen persönlichen Bezug, eine Erkenntnis zur „Komposition“ des Satzes entwickelt hat. Man wird merken, dass man dann einen Text wie einen Begleiter erlebt, der einem  präsent ist. Der Text mit seinem Gedanken wird Teil von einem selbst.

Auf was wird geachtet?

Bei der Textarbeit liegt der Schwerpunkt  auf der Entwicklung einer lebendigen Vorstellung des Textes. Bereits das Vorlesen kann einen Text verlebendigen. Indem der Leser bewusst auf jedes Wort, dass er ließt achtet und sich bewusst wird, dass er es durch sein Sprechen erschafft, kann er für die Zuhörer bereits ein Vorstellungsbild erschaffen.

“Lesen sollte deshalb zu der lebendigen Disziplin einer beschaulichen, aufmerksamen, meditativen und schließlich schöpferischen, Gedanken erzeugenden Kunst gelangen.” (Heinz Grill, Das Lesen und der Aufbau von Ätherkräften)

Es geht bei der Textarbeit nicht darum, vom Text etwas zu erhalten, neues Wissen zu gewinnen, sondern im Gegenteil darum, den Text zu denken und ihn zu einer geistigen Vorstellung zu verlebendigen, ihn noch einmal zu erzeugen.

“Das Lesen versieht das Leben nur mit dem Material für das Wissen, erst das Denken macht das Gelesene zu unserem Eigentum. Es genügt nicht, daß wir uns mit einer großen Ladung von Sammelgütern anfüllen, wenn wir diese nicht durchdenken, werden sie uns keine Kraft und Nahrung geben.” (John Locke (1632 – 1704); englischer Philosoph und Politiker)

Was sind die Hintergründe der Textarbeit? Das Lesen als schöpferische Kunst

Das Arbeiten mit einem Text ist eine grundlegende Arbeit, mit der man sogenannte Ätherkraft oder Lebenskraft erzeugt. Indem man sich eine bewusste Vorstellung von einem Text erarbeitet, wird man gedanklich schöpferisch. Dieses Schöpferisch-Sein bezieht sich jedoch nicht darauf, dass man ganz neue Gedanken parallel zum Text entwickelt, sondern indem man das, was geschrieben ist, noch einmal erschafft und somit verlebendigt. Man erweckt damit eine Aussage zum Leben. Durch diese Art des Lesens und Arbeitens erzeugt und baut man deswegen neue Ätherkräfte auf.

Auf einen Text mit geistigem Inhalt bezogen kann man durch das Hineindenken in die Worte eines philosophisch, geistvollen Menschen, diese Gedanken in sich erneut zum Leben erwecken. Man fühlt sich in die Seele und in den Geist des Textes hinein und vermag so die Gedanken zu „entschlüsseln“ und lebendig in sich zu empfinden. Geistvolle, weisheitsvolle Inhalte werden so in der Seele lebendig.

Was lernt man durch Textarbeit? Unterscheidung zwischen persönlicher Assoziation, Emotionen, Schlussfolgerungen und dem gelesenen Text

Sehr häufig kann man in Textarbeit erleben, dass man eine Aussage ließt und diese sehr schnell mit etwas Eigenem assoziiert, was gar nicht geschrieben wurde. Würde man das nicht bemerken, kann es passieren, dass man etwas ganz anderes denkt und versteht als dass, was eigentlich wirklich geschrieben ist. Beispielsweise ließt man einen Begriff und assoziiert sofort ein persönliches Erlebnis damit und denkt von diesem aus den Text. Damit schaut man den Text jedoch nicht mehr bewusst an.

Grundsätzlich lernt man bei der Textarbeit, eine längere Aufmerksamkeit auf eine Aussage zu richten. Man bemerkt dann den Unterschied zwischen persönlichen subjektiven Gedanken, Gefühle, Bewertungen, Fragen, Urteile – die automatisch heraufsteigen, – zu dem wirklich geschriebenen Wort.

Die Stärkung der Kommunikationsfähigkeit, der Urteilsbildung und die Fähigkeit einen eigenen Standpunkt zu beziehen

Man lernt durch diese Art der Textarbeit nicht über den Text zu sprechen, sondern aus dem Text selbst heraus zu denken und in ihm zu sprechen. Aufgrund der eigenen Erkenntnis und Anschauung gegenüber dem Text, kann man sich ein Urteil bilden. Dieses Urteil ist im Vergleich zu den oft sehr schnellen, emotionalen Urteilen, die in einem hochschießen, belegbar und, – das ist sehr wichtig -, für andere Menschen objektiv nachvollziehbar. Dies gilt unabhängig von der Art des Textes mit dem man arbeitet.

“Es gibt dreierlei Arten Leser; eine, die ohne Urteile genießt, eine dritte, die ohne zu genießen urteilt, die mittlere, die genießend urteilt und urteilend genießt; diese reproduziert eigentlich ein Kunstwerk aufs neue. Die Mitglieder dieser Klasse sind nicht zahlreich.” Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832)

Aufgrund der erfolgten Betrachtung einer Aussage, kann man sich gegenüber einer Aussage positionieren. Statt sofort unmittelbar für oder gegen eine Aussage zu sein, lernt man aus dem Text selbst heraus zu denken und zu argumentieren. Durch einen bewussten Umgang mit Texten stärkt sich deswegen das natürliche Selbstbewusstsein des Menschen, seine Urteilsbildung, seine Empathiekraft und Kommunikationsfähigkeit.

Das Kennenlernen des Autores

Indem man in den Gedankengang des Autors „hineinsteigt“ und in seiner Logik denkt, lernt man direkt den Geist und den Gedankengang eines anderen Menschen kennen. Es gleicht dann das Lesen einer Kommunikation mit einem anderen Menschen. Es entsteht durch diese Weise eine Verbindung mit dem Autor und neue Inspiration.

Empfohlene Grundlektüre für die Textarbeit :

Das Lesen und der Aufbau von Ätherkräften (Heinz Grill).

 

 

In dieser kleinen Broschüre von Heinz Grill wird das schöpferische Umgehen mit Texten beschrieben, das nicht das Ziel verfolgt vom Text etwas wie z.B. Informationen zu erhalten, sondern auf den Text selbst denkend und vorstellend zuzugehen.

 

 


Lehrplan für den Teilbereich Textarbeit

1. Lesen und der Aufbau von Ätherkräften

Die wesentlichste Bedeutung des richtigen Lesens von spirituellen oder philosophischen Texten liegt in der Freisetzung ihrer inneliegenden geistigen Substanz und der Erzeugung heilsamer sogenannter Ätherkräfte. Diese entstehen durch das erneute lebendige Erschaffen des Textes.

2. Objektives Erfassen eines Textes

Ein weiteres Ziel der Textarbeit ist das objektive Erfassen eines Textes, die Fähigkeit länger einen Gedanken in die Anschauung zu bringen, die Erfassung des Hauptgedankens, das Wahrnehmen des geschriebenen Wortes, das Denken ausgehend von dem Gedanken selbst, sowie das Hineinstellen oder Einbetten des Textes in einen größeren Gesamtzusammenhang.

3. Die Stärkung des Menschen durch die objektive Anschauung

Das Lesen fördert eine Beziehungsfähigkeit im Leben und fördert die soziale Integrität des Menschen. Textarbeit in einem objektiven Sinne fördert Heilwirkungen für das Nervensystem und das Immunsystem, den es befähigt den Menschen zur objektiven Anschauung.

4. Die Entdeckung des Motives des Autores

Textarbeit ist ein Erforschen des tiefer liegenden Motivs und innerer Substanz in einem Text.

5. Das Erarbeiten von Kriterien für ein objektives Lesen

Gelernt wird die Entwicklung von Kriterien für das Erfassen eines Textes.
Beispielsweise: Logischer Aufbau der Gedanken, Zusammenhänge und Bezüge, klare sachliche Aussagen – unsachliche Aussagen, fehlende Zusammenhänge und Bezüge, fehlende Informationen, beschreibend oder wertend und moralisierend Charakter, etc.

6. Lesen verschiedener Texte

  • Lesen von spirituellen und philosophischen Texten
  • Lesen von verschiedenen spirituellen Texten zur Unterscheidung der inneliegenden Substanz
  • Lesen von suggestiven Texten und Neuformulierung mit klaren nicht suggestiven Aussagen
  • Studium von Texten von Politikern und anderen.

7. Grundlegende Schritte, die das objektive Lesen aller Texte fördert:

Der Studierende schult sein Bewusstsein dahingehend, eine objektive Anschauung zu den Aussagen eines Textes herzustellen. Zwischen Leser und Text besteht eine klare Trennung. Die eigenen Gefühle, Stimmungen, Sympathien oder Antipathien nimmt er wahr, unterscheidet sie vom Text und hält sie als nicht zum Text gehörig zurück, damit sie sich nicht mit dem Text vermischen.

Beim Lesen handelt es sich um eine Beziehungsaufnahme zum Text und zum Autor des Textes. Der Text ist nicht vom Menschen, der ihn verfasst hat zu trennen.

Die gelesenen Worte werden beim Lesen in einer wachen Bewusstseinsaktivität gedacht und gedanklich neu erschaffen. Der Text wird vom Leser neu belebt.

Der Leser erfasst die Hauptgedanken in dem Text und benennt sie ohne jedoch deren Aussage zu verfälschen.

Der Studierende baut klare Vorstellungen zum Text auf.

Nach einer ausreichenden Anschauungs- und Vorstellungsbildung zu den Aussagen kann er den Text dahingehend weiterdenken und einen persönlichen Standpunkt dem Text gegenüberstellen. Zum Beispiel kann er Stellung beziehen welchen Wert er den Gedanken beimisst, ob er sie für brauchbar für ein aufbauendes und gesundheitsförderliches Sozialleben und für die aktuelle Weltsituation erachtet. Er bezieht damit eine eigene individuelle Stellung aus seinem Ich zu dem Gelesenen, ohne dieses zu verfälschen.

Als weiteren Schritt nach intensiverer Anschauungsbildung denkt der Studierende das Gelesene eigenständig weiter bis in die sozialen Lebensbezüge hinein und schließlich überlegt er, wenn ihm die Inhalte brauchbar und wertvoll erscheinen, wie er diese durch seine eigene Aktivität und Arbeit für das soziale und berufliche Leben verfügbar machen kann.

Interessant und weiterführend ist hierzu auch der Beitrag
Willensstärkung beim Lesen von spirituellen Texten